Feinde von damals trauern heute gemeinsam als Freunde



Oberursel (pit)-Dass sich 2018 das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt, war in diesem Jahr Anlass, eine zentrale Gedenkfeier der Stadt und ihrer Stadtteile zu begehen, die mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Christuskirche begann. Gefeiert. wurde er von Pfarrer Reiner Göpfert und Pastoralreferentin Sandra Anker, wobei sie ihre Akzente eher auf Mahnung und Hoffnung als auf Ermahnung setzten.

Unter der Überschrift „Der Erste Weltkrieg und seine Folgen für Europa“ stand die Ansprache von Bürgermeister Hans-Georg Brum: ,,Es begann mit dem Attentat auf den Thronfolger am 28. Juni 1914 in Sarajewo.“ Genau an diesem Tag ist die Christuskirche geweiht worden: „Damit hat es Symbolcharakter, dass wir diese Kirche für unsere Gedenkfeier gewählt haben.“ Denn noch heute sehe man ihr an, dass sich die Oberurseler das im Jugendstil errichtete Gebäude etwas haben kosten lassen. Man hatte Geld. Aber man konkurrierte auch. Europaweit. Jeder habe mehr Länder gewollt, ein Rüstungswettkampf sei entstanden, aggressiver Nationalismus Gang und Gäbe gewesen: ,,Europa glich einem Pulverfass, Konflikte spitzten sich zu, und ein Präventivkrieg wurde gefordert.“ Insofern sei das Attentat eher Auslöser als Grund für den Ausbruch des Kriegs gewesen, der sich zu einem 700 Kilometer langen Stellungskrieg entwickelte, in dem mit den modernsten Waffen gekämpft wurde. Entsprechend rasch habe die patriotische Begeisterung nachgelassen. Und was Oberursel betrifft: Von den 1700 jungen Männern, die an dem Krieg teilnahmen, verloren 224 ihr Leben.

Lehren aus der Geschichte ziehen


„Als die Deutschen 1918 schließlich die Inhalte_des Friedensvertrags erfuhren, wurden sie als demütigend empfunden,“ führte Brum weiter aus. Außerdem sei die materielle Lage im Land inzwischen miserabel geworden, sodass sich die Wut der Bevölkerung in Ausschreitungen entladen habe. Die Menschen seien anfällig für ein „faschistoides Männerideal“ und politisch rechts motivierte Gewalt gewesen, der Nährboden für die Dolchstoßlegende bereitet worden. Somit sei der Erste Weltkrieg nicht allein ein Krieg gewesen, der viel Leid und Elend hervorgerufen habe, sondern auch Grund für viele der späteren Entwicklungen. Daher gehe es nicht allein um das Gedenken, sondern auch darum, aus der Geschichte Lehren zu ziehen, meinte der Rathauschef, bevor er im Namen aller das Totengedenken sprach.

Gregor Maier, Kulturbeauftragter des Hochtaunuskreises, ging mit Blick auf die „kalendarischen Zufälligkeiten“ in der Geschichte einen weiteren, großen Schritt zurück. Denn 2018 jährt sich nicht nur das Ende des Ersten Weltkriegs. 400 Jahre liegt mittlerweile der Beginn des Dreißigjährigen Kriegs zurück. Und so lautete das Thema seiner historischen Betrachtung „Ausbruch des 30-jährigen Krieges und Ende des Ersten Weltkrieges“.

"Kanon der Erinnerungen"


Heutzutage sei der Dreißigjährige Krieg in weite Feme gerückt, doch bis zum Ersten Weltkrieg sei er als Krieg und Katastrophe sehr präsent gewesen. Erst durch diesen sei er in der kollektiven Erinnerung zurückgedrängt worden. Und obwohl der Zweite Weltkrieg innerhalb Deutschlands den Ersten wiederum abgelöst habe, sei das in anderen Ländern nicht zwangsläufig der Fall: ,,Für sie ist der Erste Weltkrieg noch immer als Grande Guerre oder Great War viel präsenter, da er eine Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts war, durch die jede Familie getroffen wurde.“ Und somit sei er damit leider auch der Kanon der Erinnerung, ,,die wir alle teilen“, die Zeichen und Rituale benötige. Schließlich seien Erinnerung und Trauer bester Nährboden für Frieden und eine gemeinsame Zukunft.

Gemeinsam schritten die Gedenkenden zum Ehrenmal an der Christuskirche, wo Dr. Christoph Müllerleile unter der Überschrift „Was der Erste Weltkrieg für Oberursel bedeutete“ an hiesige Schicksale und Lebensumstände erinnerte. Gleich mehrere Kränze wurden niedergelegt. Denn anlässlich dieses Volkstrauertages waren auch Vertreter aus Partnerstädten von Oberursel angereist. Stadtkämmerin Brigitte Espinasse, Veteranen-Stadtrat Norbert Lison und Partnerschaftsvereinsvorsitzende Christiane Lescauwier aus Epinay sowie der Mehrheitsführer im Rushmoorer Stadtparlament, David Clifford. Auch die Bundeswehr, der VdK, der Sozialverband Deutschland, die Marinekameradschaft und der Verein zur Förderung der Oberurseler Städtepartnerschaften schlossen sich diesem Ritual an.

(Aus: Oberurseler Woche, 22.11.2018, Seite 10)